Das CO2-Budget

(1) Das verbleibende globale CO2-Budget

Entscheidend für die Begrenzung der globalen Erwärmung ist die Summe an CO2, die wir in Zukunft noch ausstoßen. CO2 bleibt für eine sehr lange Zeit in der Atmosphäre wirksam. Das unterscheidet CO2 von den anderen Treibhausgasen. Deshalb ist es wichtig, sich mit CO2-Emissionspfaden auseinanderzusetzen, die ein bestimmtes CO2-Budget nicht überschreiten. Reduktionsziele zu bestimmten Zeitpunkten (wie es auch im Pariser Klimaabkommen mit der Emissionsneutralität in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts vereinbart wurde) werden dem Sachverhalt weniger gerecht.

Die Arbeitsgruppe 1 des IPCC (Weltklimarat der Vereinten Nationen), die sich mit den naturwissenschaftlichen Grundlagen des Klimawandels auseinandersetzt, hat in ihrem Bericht Herbst 2013 (siehe Seite 27: Summary for Policymakers) ein CO2-Budget von 2.900 Mrd. t seit der Industrialisierung veröffentlicht, das mit einer Wahrscheinlichkeit > 66 % mit dem Zwei-Grad-Ziel vereinbar ist. Dabei wird für die anderen Treibhausgase, wie Methan und Lachgas, ein bestimmtes Reduktionsszenario unterstellt. Von diesem Budget wurden bis einschließlich 2011 bereits eine Größenordnung von 1.900 Mrd. t emittiert. Damit verbleiben ab 2012 noch ca. 1.000 Mrd. t. Derzeit emittieren wir ca. 40 Mrd. t jährlich. Hier sehen Sie die CO2-Uhr live ticken.

Dieses Budget muss noch mehr in das öffentliche Bewusstsein dringen, damit ein entsprechender öffentlicher Druck entsteht, dass die nun im Pariser Nachbesserungsprozess vorzulegenden nationalen Anstrengungen sich an der Einhaltung dieses Budgets orientieren müssen.

Damit kein Missverständnis entsteht: Es gibt kein auf die Tonne genaues Budget, das genau das Zwei-Grad-Limit einhält. Es gibt Unsicherheiten bei der Datenerhebung, Wahrscheinlichkeiten und das Klimasystem ist noch nicht zu 100% verstanden. Trotzdem muss die Politik eine Entscheidung auf dem derzeitigen naturwissenschaftlichen Kenntnisstand fällen. Aus der Entscheidung unter Unsicherheit gibt es kein Entrinnen. Nur auf dieser Basis kann man sinnvoll darüber reden, ob geplante Anstrengungen in Summe mit dem Zwei-Grad-Limit vereinbar sind oder ob noch mehr Anstrengungen notwendig sind.

(2) Wer bekommt wie viel vom verbleibenden Budget?

Zyniker könnten auf diese Frage antworten: Jeder bekommt so viel wie er sich nimmt. Wenn dies der Fall ist, werden wir das verbleibende Budget sicher nicht einhalten. Aber woran sollen Staaten sich orientieren, wenn sie einen fairen Anteil an den notwendigen globalen Anstrengungen übernehmen wollen?

Um das verbleibende CO2-Budget auf Länder zu verteilen, gibt es unterschiedliche mögliche Kriterien. So könnte man sagen: Länder mit einem hohen Pro-Kopf-Einkommen sollen proportional weniger vom Restbudget bekommen (ökonomische Leistungsfähigkeit). Oder man sagt: entscheidend ist der Zeitpunkt, an dem die Gefahren des Klimawandels bekannt waren und verteilt das damals noch vorhandene Restbudget pro Kopf auf Länder (historische Verantwortung); dann hätten einige Länder ihr Budget schon längst aufgebraucht. Natürlich ist auch eine Kombination der Kriterien möglich. Oder man sagt, das heutige Restbudget wird sofort pro Kopf auf die Staaten verteilt.

Konvergierende Pro-Kopf-Emissionen mit dem Regensburger Modell

Bei dem von uns vorgeschlagenen Regensburger Modell wird indirekt am Anfang ein ökonomischer Schlüssel herangezogen, da erst einmal von den tatsächlichen Emissionen eines Landes ausgegangen wird. Dann wird schrittweise auf eine gleiche Pro-Kopf-Verteilung umgestellt. Damit verbindet es Gerechtigkeit mit ökonomischer Vernunft, da es einen Strukturwandel statt Strukturbrüche induziert. Das Regensburger Modell entspricht damit vielleicht nicht den subjektiven Gerechtigkeitsvorstellungen aller Betroffenen. Wenn man jedoch der Rawlsschen Gerechtigkeitstheorie folgt, die von einem personenunabhängigen Standpunkt aus fragt: Welcher Verteilung man zustimmen würde, wenn man unter einem Schleier der Unwissenheit ("veil of ignorance") nicht wüsste, in welcher Position man sich nach Lüftung des Schleiers befindet, dann würde das Regensburger Modell unserer Meinung nach ganz gut abschneiden. Zwei Einschränkungen möchten wir machen: (1) Für Schwellenländer, ist das Regensburger Modell besonders schwer zu akzeptieren. Industrieländer werden daher etwas mehr tun müssen, als es sich nach dem Regensburger Modell ergibt. (2) Wenn die Emissionen sich am Regensburger Modell orientieren, muss dies durch signifikante finanzielle und technologische Transfers insbesondere an Entwicklungsländer ergänzt werden; auch um der historischen Verantwortung der heutigen Industrieländer am Klimwandel gerecht zu werden.

Wie funktioniert das Regensburger Modell?

Wir haben das Tool mit einer Datenbank hinterlegt, so dass für fast jedes Land der Welt Emissionspfade berechnet werden können. Aus diesen können z.B. Referenzwerte zu bestimmten Zeitpunkten abgelesen werden. Diese Referenzwerte können denen im Vorlauf auf Paris vorgelegten Angebote (INDCs) und die nun im vereinbarten Nachbesserungsprozess vorzulegenden höheren Ambitionen gegenüber gestellt werden.

Die Zivilgesellschaft und die Wissenschaft muss die Staaten mit konkreten Emissionspfaden konfrontieren (Review-Prozess), die insbesondere für Industriestaaten eine Art Mindeststandard darstellen. Wenn die (I)NDCs von Industriestaaten unter den Referenzwerten des Regensburger Modells liegen, müssen diese Staaten sich fragen lassen, welches Gerechtigkeitskriterium sie zugrunde gelegt haben. Wenn man konvergierende Pro-Kopf-Emissionen akzeptiert, ist das Regensburger Modell das vorteilhafteste für Industrieländer unter den uns bisher bekannten Ansätzen.

Die CO2-Emissionen aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe zur Energiegewinnung und CO2-Emissionen aus Industrieprozessen (z.B.: Zement- und Stahlherstellung) machen rund 62 % des durch den Menschen verursachten (anthropogenen) Treibhauseffekts aus. Weitere gut 11 %-Punkte entstehen durch die Verringerung der Biomasse zum Beispiel durch Regenwaldbrandrodung. Ca. 3 %-Punkte verursachen brennende Kohleflöze.

22 %-Punkte tragen Methan und Lachgas bei und knapp 2 %-Punkte sogenannte F-Gase wie die Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW).

Methan entsteht überall dort, wo organisches Material unter anaeroben (ohne Sauerstoff) Bedingungen abgebaut wird. Natürlicherweise geschieht das vor allem in Feuchtgebieten (Sumpfgas), aber auch im Verdauungstrakt von Wiederkäuern (vor allem Kühe). Außerdem entweicht Methan bei der Förderung und Verteilung von Erdöl und insbesondere Erdgas, im Bergbau und bei der anaeroben Verrottung von organischen Abfällen, Papier und Pappe in Mülldeponien.

Aus landwirtschaftlichen Quellen stammen knapp ⅔ der Gesamtemissionen an Methan. Insbesondere schlagen hier der wachsende Viehbestand (zunehmender Fleisch- und Kuhmilchkonsum) und der zunehmende Nassreisanbau zu Buche.

Lachgas entsteht natürlicherweise durch mikrobiologische Umsetzungen von Stickstoffverbindungen in Böden und Gewässern. Dieser Prozess wird durch die Stickstoffdüngung der Böden stark erhöht. Darüber hinaus wird Lachgas auch bei der Verbrennung pflanzlicher Biomasse (Brandrodung in den Tropen) und fossiler Energieträger freigesetzt.

Der dringendste Handlungsbedarf besteht aufgrund seiner Budgeteigenschaft beim CO2. Aber auch die anderen Treibhausgase dürfen nicht vergessen werden.